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Gegen das Vergessen, weswegen wir da sind

Predigt von Dieter Rathing am 24. Dezember 2011 in St. Johannis, Lüneburg

Liebe Gemeinde des Heiligen Abends, wann hat für Sie eigentlich Weihnachten begonnen? Jetzt eben hier beim Hereinkommen in St. Johannis? Beim ersten Lied? Beim Hören der Weihnachtsgeschichte? Oder ist Weihnachten bei Ihnen schon älter? Steht der wirkliche Anfang des Festes vielleicht noch bevor?

Auf dem Kalender beginnt Weihnachten eindeutig in dieser Nacht am 25. Dezember, aber vom persönlichen Empfinden her beginnt es vielleicht mit der Bescherung, für andere hat es – mag sein – mit dem Schließen einer Büroschublade begonnen oder mit dem Eintreffen der Kinder. Andersherum sagt mir jemand heute Mittag: Richtig fängt Weihnachten erst morgen Abend an, wenn wir dem Familienbesuch hinterherwinken.

Eine ganz spezielle Antwort habe ich vor ein paar Tagen gehört – die ging so: „Wann Weihnachten für mich beginnt?“ - „Na ja, man entdeckt auf einmal, dass man mit einem Sägemesser in der einen Hand und dem Autoschlüssel in der anderen mitten im Badezimmer steht, und man überlegt: „Was war es nochmal, was ich vorhatte?“

Jetzt hoffe ich und wünsche es, dass Ihr Weihnachten nicht mit Sägemesser und Autoschlüssel im Badezimmer begonnen hat … Aber was macht man in so einem Fall, wenn einen solcher Art Vergesslichkeit und Verwirrung überfallen? Lebenskluge Menschen empfehlen: Man soll zurückgehen. Zurückgehen zu dem, von wo man ausgegangen war. In der Regel wird man dort die Antwort finden: Wenn man zum Beispiel die Schublade in der Küche wieder aufzieht, dann erinnert man sich, zu was man das Messer gebrauchen wollte.

In der Kirche kommen wir auch zum Ausgangspunkt zurück. Das ganze Jahr über, ja, die ganzen Jahrhunderte hinweg steht die Kirche – diese St. Johannis-Kirche – deshalb hier an diesem Platz: Damit wir - vergesslich und verwirrt, wie wir sein können – damit wir einen Ort haben, an den wir zurück kehren können, wenn wir vergessen, weswegen wir da sind.

Wir brauchen das. Das Zurückkommen zum Anfang. Das Erinnern, weswegen wir da sind auf dieser Welt. Und zu Weihnachten verstehen wir das besonders. Denn zu keiner anderen Zeit des Jahres gehen wir ja mit unseren Erinnerungen so weit zurück, zurück zu unserem Anfang, zurück bis in die Zeit, wo für uns als Kinder das Leben begann. Wo wir Geborgenheit und Liebe erfahren oder doch mindestens erhofft haben.

Langsam zum Ausgangspunkt zurückgehen, zum Anfang. Dazu nimmt uns heute Abend auch das Weihnachtsevangelium wieder an die Hand. Im Eselstempo von Nazareth zurück nach Bethlehem.           -        „Was war es noch mal, was ich vorhatte?“ Die Dinge und die Gestalten des guten Anfangs antworten Dir:

Da ist der Stall: Für Gott einen Raum, eine Herberge bei dir haben – und sei sie im hintersten Winkel …

Da ist Maria: Einem Kind das Leben schenken – und wissen, kein Kind ist mein Eigentum …

Da ist Josef: Vater der Liebe sein, vielleicht ganz unbeholfen und als Kümmerer im Hintergrund – aber verlässlich und treu …

Da sind die Hirten: Dir selbst genehmigen überwältigende Freude und plötzliches Staunen, und das Geschehenlassen von „Ich-weiß-nicht-wie mir-geschieht“ …

War es auch das, was du mal vorhattest? Lass dich von diesen Dingen und Gestalten des guten Anfangs erinnern: Auch durch deine Hände legt Gott Hand an die Welt, durch deine Augen bewundert er ihre Schönheit. Durch deine Ohren nimmt Gott die Hilferufe von Menschen auf, und durch deine Worte sagt er der Welt seine Liebe weiter. Denke groß von dir! Gott will dich an der Krippe! Lass dich brauchen! Auch vor allem Begreifen.

Denn: Wer begreift das schon? Gottes Geburt in dieser Welt. Wie kann der große Gott Platz haben im kleinen Menschen? Schon eine von unseren menschlichen Geburten begreifen wir nicht. Wo neun Monate vorher nichts war, kommt jetzt zur Welt ein neues Wesen. Das ist: Gott auf frischer Tat. Da siehst du dem Allmächtigen ins Angesicht. Wer begreift das schon?

Gehört das auch zu dem, was wir immer wieder vergessen? Wir haben ja nicht nur immer wieder vor Heiligabend die Hände voll. In der Küche und im Badezimmer, mit unseren Autos und all den Dingen, die immer noch alle zu tun sind. Und was wir uns auftragen! Wie oft mit wie wenig Lust dazu! Und schleppen viel mit uns rum! Vor lauter Last und Ballast: Keine Hand mehr frei. Keine Stunde mehr übrig. Keinen Gedanken, der trägt.

Verwirrt und vergessen: „Was war es noch mal, was ich vorhatte?“ Durch’s ganze Jahr hindurch könnte das die Frage schlechthin sein. Bei den einen, die mit der Arbeit im Nacken durch die Wochen gehetzt sind. Bei denen anderen, die immer wieder die Decke sich auf den Kopf haben fallen sehen. Die allein gelassen wurden und die allein gelassen haben. Die hingeschmissen haben und die, die’s in der Hand hatten und nichts damit anzufangen wussten. Im bunten Durcheinander aller Tage oder in der Alltags-Eintönigkeit: Wir vergessen’s ja immer wieder, weswegen wir da sind. „Was war es noch mal, was ich vorhatte?“

In seiner Weihnachtsbotschaft sagt der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche, Präses Nikolaus Schneider, im Blick auf unser Land: „Wir nehmen Zeichen einer wachsenden Entsolidarisierung wahr. Menschen und Interessengruppen suchen ihre Vorteile auf Kosten anderer, das gemeinschaftliche Wohl „allen Volkes“ gerät uns aus dem Blick … Verzichten um anderer Menschen oder um der Bewahrung der Schöpfung willen, nach Gerechtigkeit statt nach Selbstverwirklichung zu suchen  - wie schwer fällt uns das!“

Gab’s da was, das ich vorhatte? Zu tun oder zu sagen? Dass ich vorhatte, anders zu wirtschaften? Anders mit Anderen über Andere zu reden? Dass ich vorhatte, anders auf Menschen zuzugehen? Anders über das Bewahren unserer Schöpfung nachzudenken?

Die Weihnachtsgeschichte, die uns zum Stall, zu Maria und Josef, zu den Hirten führt, die uns an diesen Anfang bringt, diese Geschichte ist ja zu groß nur für mich persönlich und privat, zu groß nur für die Familie daheim. Mit dieser Geschichte am Anfang, da muss man doch anfangen, anders über die ganze Welt zu denken, anders über den Zusammenhalt unter uns, anders über den Wert eines Menschenlebens, anders über Kinder, anders über Menschen anderer Herkunft in unserem Land, anders über Alles …

Im Kern ist Weihnachten doch eine gigantische Besserungsanstalt! Nicht wir machen das Fest gut, sondern das Fest macht uns gut. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Alle Welt ist gemeint. In aller Welt sollen die Waffen ruhen. Alle Welt weiß das. Und alle Welt vergisst es immer wieder. Denn alle Welt hat immer alle Hände voll. „Was war es noch mal, was ich vorhatte?“

Aber der Stall, Maria, Josef, die Hirten – die selber sind ja noch gar nicht der Anfang von allem, selber sind sie ja noch gar nicht der Kern von Weihnachten. Der Anfang von allem - „Den aller Welt Kreis nie beschloss, der liegt in Mariens Schoß“ – das Kind, das Gott ist, seine Geburt, das ist es, womit alles anfängt.

So viel Anfang wie mit Jesu Geburt war nie. Kein Mensch war so „Anfang in Person“. In keinem steckt mehr „Jetzt geht’s los“ als in ihm. Sein Kommen setzt die Jahreszahlen auf  null. Alle Welt fängt an, die Zeit neu zu zählen. Neue Wörter nisten sich ein: Vergebung, Barmherzigkeit, Gnade. Menschen fangen an, mit Menschen neu anzufangen. Mit Fremden und mit Freunden. Überall werden Christen zu Anfängern, Anstiftern, Aufbrechern, Aufgeweckten. Kein stärkeres Anfangen nirgendwo als mit dieser Geburt.

Kein Wunder, dass da die Frage kommt: „Was war es noch mal, was ich vorhatte?“ Was hast du vor? Es kann ja nicht sein: Alle Welt lässt sich bewegen, und du lässt alles laufen, wie’s kommt. Was fängst du mit dem Anfang aller Dinge an?

Willst du von einer Unart abkommen? Oder in Sachen Liebe Neues anzetteln?

Soll durch dich ein neues Menschenkind in die Welt kommen? Vielleicht erfindest du ein neues Wort, ein Gedicht, eine Geste?

Oder dir fällt ein schönes Zeichen ein für das, was du nicht über die Lippen bringst: Wir haben uns doch lieber als wir es leben. Lass vergessen sein die Nachlässigkeit übers Jahr.

Ein Trost dem Verzagten, eine Blume der Verschlossenen. Du machst die Mitte dieser Nacht zum Anfang des Tages – wie manchmal das Nachtigall-Männchen draußen schon singt, wenn es noch dunkel ist.

Wen willst du in Zukunft verteidigen? Wem verlässlicher werden? Vielleicht hast du auch genug gelitten an deiner Eselsgeduld und machst Schluss damit, dich selber auszubeuten …

Der neue Anfang dieser Nacht ist für alles Neue und für alles Anfangen gut. Für‘s Erinnern von längst Vergessenem und für‘s Klären verwirrter Gedanken. Für eine Antwort auf das „Was war es noch mal, was ich vorhatte?“

Zum Ausgangspunkt, liebe Heiligabend-Gemeinde, sind wir nun zurückgegangen. Dahin, wo die Geburt Gottes in diese Welt hinein ihren Anfang nahm. Jetzt leuchtet er wieder in unseren Gesichtern.

Der Anfang Gottes als Mensch. Und wir erinnern uns, weswegen wir da sind.

Gott bei uns groß werden lassen. Jesus Christus unter uns zum Leben helfen.

Und mit ihm zum Leben helfen: dem Menschen. Amen.