„Die Sprache des Glaubens ist die Poesie“

Nachricht Emden, 25. August 2023

Am 27. August tritt Regionalbischof Dr. Detlef Klahr in den Ruhestand. Ein Gespräch zum Abschied über Struktur, Natur, Kultur. - Ein Text von Ina Wagner

Emden. Er ist ein Theologe mit vielen Aufgaben. Muss man ein strukturiert arbeitender Mensch sein, um alles zu bewältigen? Regionalbischof Dr.  Detlef Klahr wiegelt ab. Er schätze sich eher als „erruptiv und innovativ“ ein. Seine Leidenschaft sei die kreative Entfaltung. Strukturiert? Es komme in seinem Alltag meistens doch anders, als man es planen könne.    

An diesem frühen Nachmittag scheint die äußere Struktur aber doch zu überwiegen. In den modernen Büro- und Konferenzräumen des Regionalbischofs herrscht eine architektonische Klarheit des Raumes und darin eine Stimmung geordneter Gelassenheit. Klahr zeigt auf zwei
mächtige Schränke, die er aus dem vormaligen Amtssitz in Aurich mitgenommen und aufarbeiten lassen hat. „Massives Holz, ideal geeignet für Aktenordner, sehr praktisch.“ Und so tritt zu der eleganten Schlichtheit der Formen in diesem Arbeitsbereich auch noch Solidität, ja eine gewisse
Zeitlosigkeit hinzu.

Klahr als einen Ästheten zu bezeichnen, dürfte nicht fehlgehen. Zudem liebt er die Natur und speziell Blumen. Den kleinen Garten in seinem Dienstsitz betreut er selber. Frische Blumen auf dem Tisch sind ein Muss. „Irgendetwas blüht ja immer.“

Er spielt Klavier, hat vier Semester Kunstgeschichte studiert und will dieses Studium fortsetzen, sobald er wieder nach Hannover zurückgekehrt ist. Seine Predigtstätte, die Martin-Luther-Kirche, hat er zur Kulturkirche gemacht. Religion und Kultur? „Das ergänzt sich sehr gut“, versichert Klahr. Bilder, Singen, Symbole – das gehört zum Glauben dazu. Da begegnen sich Kult und Kultur. Und die Theologie gründet – neben Medizin und Jura - auf den sieben freien Künsten der Antike. „Der Glaube sucht sich eben seine Gestaltung, und die Sprache des Glaubens ist die Poesie.“

Poesie ist eine ganz große Leidenschaft im Leben von Detlef Klahr. Schon in der Grundschule kam er mit sehr viel Lyrik und Liedern in Kontakt – dank seiner Rektorin, die ihm auch die Vorliebe für Hilde Domin ins Herz pflanzte. Deren Lyrik zitiert Klahr oft auch in seinen Predigten. Und er selber hat sich durch die Beschäftigung mit ihrer speziellen Form von gebundener Sprache anregen lassen, Gedichte zu schreiben, in denen Poesie und Theologie sich berühren. 

Umkehrung

mitten im Leben
geschieht es
plötzlich und unerwartet
oder lang ersehnt
wie nach langer Reise
ohne Ausweg
vom Tod umfangen
mitten im Tod geschieht es
beim Namen gerufen
du bist mein
wir singen und lachen
für immer
vom Leben umfangen

(Detlef Klahr)
 

Predigen - ein Geschenk

Predigen war ihm, so sagt Klahr, der seit 35 Jahren als Pastor auf der Kanzel steht, nie eine Last, sondern ein Geschenk „Ich predige einfach gerne!“ Dabei ist das Schreiben der Predigt quasi der letzte Akt eines Prozesses, der sich durch sorgfältiges Nachdenken nach und nach zuerst im Kopf herausbildet. Es brauche Zeit, um Dinge wirklich zu durchdenken, sagt der Regionalbischof.

Wichtig ist ihm, dass die Botschaft des Glaubens immer wieder neu vermittelt wird. Dabei gilt es, nicht jedem Zeitgeist nachzugeben. Sicher hat er auch die Entfremdeung der Menschen vom christlichen Glauben wahrgenommen. Daher gelte es, Antworten auf Veränderungen zu geben und dennoch ein Angebot zu machen, das verstanden wird. „Das Christentum muss mit dem Leben der Menschen zu tun haben“, sagt der 65-Jährige. 

Muss das Christentum politisch sein?

Aber muss das Christentum auch politisch sein? „Luther hat Politik gemacht, indem er sich um Schulen und Arme und um die Umwelt gekümmert hat“, sagt der überzeugte Lutheraner Klahr. Und dann fällt ein anderes Wort, das ihn sehr beschäftigt: Dialog. Es gelte, Vernunft und Frömmigkeit in einen Dialog zu bringen, Realität und biblisches Wort jedes Mal neu auszutarieren. Dass es dabei nicht ein Richtig und ein Falsch gebe, mache die Sache doch so spannend. Kontroversen seien dabei
mitzudenken. „Auch die Jünger haben gestritten.“

Das Christentum ist eine alte Religion. Wird es sie auch in Zukunft noch geben? „Aber Ja. Daran zweife ich überhaupt nicht“, versichert Klahr. Alles habe mit dem Einem und den zwölf Weiteren angefangen und sich dann ausgebreitet. Aber die Institution unterliege Veränderungen. Und das sei
auch richtig. „Wenn alles bleibt, wie es ist, fängt es an zu rosten. Das gilt auch für die Kirche.“ Und das sei auch im Sinne Luthers gewesen, der Veränderung wollte, allerdings nicht erwartete, dass daraus etwas ganz Neues entstehen würde.

Gemeinden entwickeln neue Ideen

Heute seien es auch die Gemeinden, die Neues gestalten und neue Ideen entwickeln. Die Corona-Zeit sei da ein Prüfstein gewesen, in dem kreative Gedanken dazu geführt hätten, dass vieles möglich wurde.

Ebenso in Bewegung gekommen, sind neue Angebote der  Kirche, etwa Dienstleistungen über sogenannte „Segensagenturen“. Damit soll auf veränderte Bedürfnisse von Menschen eingegangen werden, die für besondere Anlässe oder an besonderen Orten den
kirchlichen Segen – etwa bei Taufen, Trauungen und Beerdigungen - erhalten möchten.

Zudem sollen in Zeiten, in denen die Theologen rar sind, multiprofessionelle Teams gebildet werden, die die wachsende Zahl von Ehrenamtlichen stärker einbinden. Auch der ökumenische Dialog gehöre dazu - und letztlich der Blick in den Osten. Dort seien zwar nur zwölf Prozent der Menschen Kirchenmitglieder – gegenüber 70 Prozent im Westen. Aber es würden unkonventionelle Ideen erprobt, um die Kirche lebendig zu halten.

Festgottesdienst zur Verabschiedung

Am 27. August wird Detlef Klahr um 15 Uhr im Rahmen eines Festgottesdienstes von seinem Amt als Regionalbischof entbunden. Dann wird er sich nicht nur seiner zahlreichen Aufgaben entledigen
dürfen, sondern er wird auch sein Amtskreuz zurück in die Hände des Bischofs der Landeskirche, Ralf Meister, geben. Empfangen hatte er es vor 16 Jahren von Bischöfin Margot Käßmann.

Es ist ein Kreuz aus Ebenholz und Silber, das für alle sechs Regionalbischöfe der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers in derselben Weise gearbeitet wurde - ein Symbol, zugleich aber auch ein Richtungsanzeiger im „Wirrwarr des Lebens“. In wenigen Tagen wird Detlef Klahr dieses äußere Zeichen seines Wirkens nicht mehr benötigen, aber seinen ganz persönlichen Weg wird er zielgerichtet weitergehen.

Heimat

sich losmachen
nicht gebunden sein
am Gängelband
der Notwendigkeiten
die Freiheit ausloten
nur manchmal
leise die Ahnung
irgendwo ankern

im Hafen der Sicherheit
am langen Tau gehalten
auf Zeit
der Augenblick kommt
und alles
ist wieder möglich
auf dem Meer des Lebens
bis zum nächsten
Haltepunkt
die Hand
wenn du die Freiheit wählst
wird loslassen
bis du wieder nach ihr greifst

(Detlef Klahr)